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Titel: |
Nachtreiter |
Klappentext:
Über die Steppe Phykadoniens, die Heimat der beiden Krieger Braninn und Grachann, bricht ein unerklärliches Ereignis herein: Immerwährende Dunkelheit schiebt sich über das Land und vertreibt alles Licht aus dem Leben der Steppenreiter. Als ihr Herrscher Ertann sein Volk zum Krieg gegen das Nachbarland Sarmyn aufstachelt, ahnen Braninn und Grachann: Ertann selbst steht mit Dämonen im Bunde. Auf der Flucht verschlägt es die beiden Freunde ausgerechnet ins feindliche Sarmyn. Doch dort finden sie Hilfe. Zwei sarmynische Ritter und eine geheimnisvolle Reisende schließen sich ihnen an. Gelingt es den ehemaligen Gegnern, ihre Welt der dunklen Macht der Dämonen zu entreißen? Fesselnd und atmosphärisch erzählt Daniela Knor von einer Welt voller Magie, einer widernatürlichen Macht und der Grenzen überwindenden Kraft der Freundschaft.
Leseprobe:
Auf den Gängen der nächtlichen Burg pfiff der Wind in den wildesten Tönen. Fensterläden klapperten hinter Türen, die wie von Geisterhand an ihren Riegeln rüttelten. Arion eilte an erloschenen Fackeln und Inseln hereingewehten Schnees vorüber, bis die im Dunkeln tückischen Stufen der Treppe ihn zwangen, langsamer zu gehen. Es klang, als käme das Gewitter näher, und er wollte wieder unter einem Dach sein, bevor es Egurna erreichte.
Der Wind schlug ihm die Tür beinahe ins Gesicht, als er sie öffnete. Davor lag Schnee aufgehäuft, der ihm entgegenfiel und dadurch verhinderte, dass sich die Tür wieder schließen ließ. Halbherzig schob Arion die weiße Masse mit dem Fuß zur Seite, doch das half nicht viel. Er entschied, sich später darum zu kümmern, und stieg über die Schneewehe hinweg auf den Hof, wo er kaum drei Schritte weit sehen konnte. Der Sturm peitschte ihm die Flocken ins Gesicht, dass sie wie Nadeln in seine Haut stachen. Mit einer Hand raffte er den Umhang fester, mit der anderen hielt er seine Kapuze tief in der Stirn.
Mühsam kämpfte er sich gegen den Wind voran. Immer wieder trafen ihn einzelne Sturmböen mit neuer, ungeahnter Wucht und fegten ihn beinahe von den Füßen. Die Luft war von einem Rauschen erfüllt wie von tausend Bäumen. Ein ganzes Heer ließ seine Hörner erschallen, und die Hunde heulten und jaulten dazu.
Ein Heer? Arion blickte erschrocken auf. Vor ihm wirbelte der Schnee dichter, drehte sich zu einer Spirale, die sich nach unten hin plötzlich verjüngte und noch schneller kreiste. Bragga, die Windsbraut, durchzuckte es ihn. Sie, die dem Heer des Toten Gottes voraneilt.
Ohne nachzudenken, warf er sich bäuchlings in den Schnee und nahm schützend die Hände über den Kopf. Eine gewaltige Faust zerrte an seinem Umhang. Arion presste sich panisch noch flacher auf den eisigen Boden. Der Sog ließ nach, doch nun prasselten Hagelkörner wie Geschosse auf ihn ein. Um ihn her knackte es wie von berstendem Holz, grelles Licht flackerte auf, Peitschen knallten, Donner krachte so laut, als läge er in einer riesigen Trommel.
Ich muss hier weg! Wen die Nachtschar mit sich nahm, der zog für die Ewigkeit mit ihr im Sturm dahin.
Vorsichtig rappelte er sich auf, ohne den Kopf zu heben. Niemals durfte der Blick den zornigen Toten Gott schauen, sonst war man verloren. Zusammengekauert stemmte sich Arion gegen das Toben des Sturms und huschte zur Seite, wo er eine Mauer erhoffte. Seine suchende Hand ertastete glatten Stein, auf dem Schnee klebte. So schnell er konnte, hastete er an der Wand entlang. Irgendwo musste eine Tür sein. Egurna hatte mehr Türen als Bewohner.
Wieder gleißten Blitze durch das weiße Wirbeln, und die Donnerschläge trafen Arion wie Keulenhiebe. Unter seinen Fingern fühlte er mit einem Mal Holz und metallene Beschläge. Mit beiden Händen griff er nach dem Riegel und stolperte durch die rettende Tür, die er eilends hinter sich schloss. Ein neuerlicher Blitz enthüllte, dass er durch eine Seitenpforte in die Halle der Rechtsprechung gelangt war. Sein Herzschlag beruhigte sich, während er sich von der Tür entfernte. Im unsteten weißen Licht der Blitze sah der durch die großen Bogenfenster hereinjagende Schnee ebenso gespenstisch aus wie der schwere Torflügel, der am Ende der Halle bedrohlich im Sturmwind auf- und zuklappte. Das Tosen übertönte jedes andere Geräusch.
Da wären wir also wieder, dachte Arion und fragte sich sogleich, ob es klug war, den Zornigen so anzusprechen. Ich führe mich auf wie ein abergläubischer Bauer. Arutar hatte den Gott getötet, wie konnte er dann überhaupt ein Gott gewesen sein? „Hörst du, Zorniger?“, rief er in das Brausen des Windes. „Wir fürchten deine Rache nicht!“
Es ist der Feigling, der den Besiegten schmäht, hörte er Tominks Stimme so deutlich in seinem Kopf, dass er sich unwillkürlich nach dem alten Priester umsah. Doch Tomink war seit Jahren tot und längst in Feuer und Rauch zu den Sternen aufgestiegen. Arion schauderte. Besiegte klingen anders. Wie zur Bekräftigung ließ ein Donnerschlag die Mauern der Halle erzittern.
„Jedenfalls hat er mich jetzt erst einmal hier festgesetzt“, murmelte Arion und suchte im Halbdunkel durch die Reihen der Bänke den Weg zum Mittelgang, wo am wenigsten Schnee hingelangte. Dafür pfiff der Wind dort wieder schärfer. Unschlüssig, was er mit sich anfangen sollte, bis der Sturm ihn wieder freigab, schlug er den Weg zum Thron ein. Das kostbare Seidenbanner mit der goldenen Sonne hatte man vor dem Unwetter in Sicherheit gebracht, aber der in schlichten Formen aus Marmor gefügte Sitz des Königs stand unverrückbar an seinem Platz, ein Relikt aus ältester Zeit, auf dem bereits Arutar, der Erste König, den ersten Treueid entgegengenommen hatte.
Arion blieb am Fuß der Treppe stehen und sah zum Thron hinauf. Ein neuer Blitz tauchte die Halle für einen winzigen Augenblick in blendendes Licht. Es genügte, um Arion erschrocken nach dem Schwert greifen zu lassen, doch seine Hand tastete ins Leere. Gebannt starrte er das Untier an, das von dort oben auf ihn herabblickte.
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